Challenge accepted: Wie Sie ganz einfach mit Gendern im Alltag starten.

Kürzlich habe ich mich auf eine Challenge eingelassen, ein verrücktes Abenteuer. Mit einer Freundin habe ich bei einem Mud Run mitgemacht. Sie wissen schon, diese Rennen, wo Menschen freiwillig im Schlamm robben, über Mauern klettern und im Eis baden. Es hat Überwindung gekostet, aber der LieMudRun war eines der Highlights meines Jahres. Warum? Weil ich mich auf etwas Neues eingelassen habe und danach mächtig stolz auf mich war.
«Aber in diesem Blog geht es doch ums Gendern, was hat denn der Frau ihr Kopf im Schlamm damit zu tun?!», werden Sie vielleicht sagen. «Sehr viel!», werde ich antworten. Denn wir müssen im Alltag nicht auf einen speziellen Event warten um die Chance auf eine Challenge zu bekommen. Wir können auch sofort starten. Zum Beispiel mit Gendern. Dabei werden Sie nicht dreckig, die Herausforderung ist gratis und alltagstauglich. Und vor allem: Sie werden damit die Welt ein bisschen besser machen. Klingt gut, oder?!
Aufwärmen: Machen Sie sich locker
Einige Menschen fürchten um ihre persönliche Sprache, wenn sie daran denken, gendergerecht zu kommunizieren. Das ist verständlich: Sprache ist etwas sehr Persönliches. Sie macht einen Teil unserer Identität aus – welchen Dialekt wir sprechen, unsere Sprachmelodie und Betonung, welche Wörter wir oft benutzen und welche bewusst nicht: Das sind alles Merkmale unserer ganz persönlichen Ausdrucksweise und es wäre schade, wenn diese verloren ginge.
Gleichzeitig verändert sich unser Sprechverhalten mit zunehmendem Alter unweigerlich. Oder sprechen Sie noch gleich wie als Teenager? Eben. Mit allem, was wir im Laufe des Lebens lernen, verändert sich auch unsere Kommunikation, zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. Also können Sie locker entscheiden, nun gendergerecht zu sprechen und/ oder zu schreiben, ohne dass Ihre Sprache ihren persönlichen Touch verliert. Im Gegenteil: Wenn Sie ein Mensch sind, für den Gerechtigkeit etwas Wichtiges ist, ergänzen Sie Ihren Sprache authentisch mit geschlechtersensiblen Personenbezeichnungen.
Einsteigen: Irgendwo anfangen
Irgendwo müssen Sie mal anfangen. Picken Sie sich eine sich wiederholende Kommunikationssituation in ihrem Alltag heraus und entscheiden Sie sich für eine oder zwei Varianten. Erfahrungsgemäss eignen sich Doppelformen und neutrale Formen besonders gut für den Einstieg. Weitere Varianten finden Sie auf meiner Website.
Ich habe mir als Challengeumfeld die Schule und meine Arbeit als Lehrerin ausgesucht: Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich Mädchen und Jungen sprachlich gleichsam berücksichtige. Also habe angefangen in der Doppelform (Schülerinnen und Schüler) und mit neutralen Formulierungen (Lehrpersonen) zu sprechen. In den ersten zwei Wochen war das noch etwas harzig. Immer wieder habe ich die weibliche oder neutrale Form wieder vergessen. In der dritten Woche bemerkte ich einen wesentlichen Fortschritt und ab der vierten Woche musste ich kaum mehr nachdenken – die geschlechtergerechten Formulierungen kamen einfach aus mir raus.
Hauptteil: Umsetzen im Alltag
Wenn Sie keine Lehrperson mit einem so wunderbar offenen Publikum wie meine Schulklassen sind, dann gibt es trotzdem eine Reihe von Möglichkeiten, wie Sie mit gendersensibler Kommunikation beginnen können.
- Versuchen Sie das nächste längere Telefongespräch mit einer Person, mit der Sie freundschaftlich verbunden sind, gendergerecht zu gestalten. Sie können das zu Beginn des Gesprächs ja ankündigen: «Hey, du findest mich jetzt vielleicht komisch, aber ich hab da so eine Challenge am Laufen. Ist es ok, wenn du meine Versuchsperson bist?» Ich bin sicher, Sie beide werden viel Spass am Hörer haben.
- Schreiben Sie Ihre nächste private Mail gendergerecht. Sei es eine Bestellung, eine Reklamation oder eine Anfrage: Faire Formulierungen lassen sich überall anwenden.
- Nehmen Sie Bilderbücher Ihrer Kinder unter die Lupe: Im Baustellen-Wimmelbuch hat es Bauarbeiter und Baggerfahrerinnen, auf dem Reithof Pferdepfleger und Hufschmiedinnen, im Krankenhaus Pfleger und Chirurginnen, Hebammen und Geburtshelfer usw.
«Es geht nicht nur um Sprache.»
Sondern um die Sichtbarkeit von Menschen, die bisher wenig Sichtbarkeit in der Gesellschaft haben. Sagt Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler
- Lesen Sie Ihren Kindern eine Geschichte vor. Wenn Stereotype und klischierte Rollenbilder darin vorkommen: anders erfinden! Gendersensible Kommunikation findet nämlich nicht nur in Wörtern, sondern auch in den damit kreierten Bildern statt. Machen Sie aus weinerlichen Mädchen starke Heldinnen und aus starken Helden weinerliche Jungs – einfach, damit Kinder alle Möglichkeiten zur mentalen Verfügung haben.
- Dichten Sie Kinderlieder um. Bei uns heisst beispielsweise der Kaminfeger zwar immer noch Chämifäger, aber der jagt nicht mehr nur die «böse Buebe» sondern die «frechä Chindä» davon mit seinem Besen und Lappen. Geht rhythmisch tipptopp auf. Und verschiebt die kindliche Wahrnehmung weg vom Klischees der gemeinen Jungs.
- Suchen Sie sich eine*n Verbündete*n bei der Arbeit aus. Diese Person weihen Sie in Ihre Challenge ein – oder auch nicht. Mit ihr sprechen Sie ab sofort nur noch gendergerecht.
- Schreiben Sie mit einer Person, deren Telefonnummer Sie noch nicht so lange haben, konsequent gendergerecht auf Textmedien. Sie wird ja nicht merken, dass sie Ihr Übungsfeld sind.
- Welche Situationen fallen Ihnen noch ein?
Schlussteil: Stolz sein
Geben Sie sich drei Wochen Zeit. So lange brauchen Veränderungen erwiesenermassen, um sich zu etablieren. Ziehen Sie dann Bilanz. Klopfen Sie sich auf die Schulter und tun Sie sich etwas Gutes. Sie haben gerade einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit und Energie dafür aufgewendet, die Welt sprachlich fairer zu gestalten. Herzliche Gratulation. Und danke im Namen aller Frauen (auch derer, die sich mitgemeint fühlen – unbewusst fühlt sich das Hirn eben doch trotzdem nicht angesprochen), Kinder (denn die rein männliche Form wirkt sich negativ auf ihr Selbstbewusstsein aus, und zwar bei Jungen wie bei Mädchen) und non-binären Menschen (denn neutrale Formulierungen sind auch ein Schritt hin zu ihrer Sichtbarkeit in der Gesellschaft).
Und wenn Sie ein bisschen den Narren am Thema gefressen haben (Das würde ich jetzt nicht gendern: Die Närrin aufzufressen wäre schade), besprechen Sie es doch mit einer vertrauten Person am Arbeitsplatz. Vielleicht ist Ihr Unternehmen offen für einen Vortrag zu den wissenschaftlichen Hintergründen von gendergerechter Sprache. Daraus könnten spannende Gespräche oder gar ein zusammenschweissendes längeres Projekt entstehen, das nebenbei noch viele weitere positive Nebenwirkung für Ihr Unternehmen haben kann. Ich unterstütze Sie gerne dabei.
P.S. Übrigens war mein Experiment in der Schule ein voller Erfolg: Nach drei Wochen streckte ein Junge auf und fragte: «Sollen wir nun mit unserem Banknachbarn oder unserer Banknachbarin arbeiten?» Seither übernehmen viele Kinder die Doppelform ganz automatisch und wir führen erfrischende Gespräche über Rollenklischees.