Mein Spleen. Oder: Ich glaub, ich spinne.

Haben Sie einen Spleen? Na klar haben Sie einen. Mindestens! Fingernägel kauen? Glücksbringer rumtragen? Bodenplattenfugen überspringen? Verstecken Sie Ihren Spleen oder finden Sie ihn selber lustig? Wie zwanghaft ist er? Auch wenn es etwas schwerfallen mag: Lassen Sie uns unsere Spleene teilen, damit wir uns alle etwas weniger schrullig fühlen!
Ich mache den Anfang. (Ich hole tief Luft und Anlauf) … ICH WERDE PROVOZIERT VON APOSTROPHS! Fast ständig. Fast überall. Sie sitzen am falschen Ort auf Werbe- oder Namenstafeln, draussen und im Internet, auf Deutsch und auf Englisch. Sie sitzen da, ganz ruhig und unschuldig, und lachen mir hämisch ins Gesicht: «Niemand hat bemerkt, dass ich mich hier reingeschlichen habe; und jetzt kannst du nichts mehr dagegen tun. Ha!» Mit einem virtuellen Rotstift – der unglaublich dick ist – streiche ich sie in Gedanken durch. Immer wilder. Bis nichts mehr von ihnen zu sehen ist. Wie ein weiblicher «Banksy der Interpunktion». Aber halt nur in in meinem Kopf.
Raus mit der Sprache!
Meine Spleene kreisen alle um die Sprache. Zumindest die, die mir bewusst sind. Eine Buchstabensuppe konnte ich als Kind erst essen, wenn ich so viele Wörter an den Tellerrand geschrieben hatte, dass mit den verbleibenden Buchstaben keines mehr möglich war. Eine Art Suppen-Scrabble mit mir allein. Was mir heute noch eine Comic-Gedankenblase über den Kopf zaubert, ist, wenn jemand eine Redewendung oder ein Sprichwort nicht im richtigen Zusammenhang benutzt. In der über mir aufgepoppten weissen Blase erkläre ich dann wie automatisch, warum es andersrum richtig wäre. Natürlich nur in Gedanken. An alle Menschen, die ich kenne: Jetzt wisst ihr, warum ich manchmal mitten im Gespräch in meine Gedankenwelt abtauche; wir sind dann in einem Comic. Es tut mir leid! Bitte redet trotzdem noch mit mir!
«Wenn ich mitten im Gespräch abtauche, sind wir in einem Comic.»
Sorry!
Jetzt reichts aber!
Wenn mir ein Wort begegnet, das ich noch nie gehört habe, muss ich es unbedingt und unverzüglich nachschlagen, um herauszufinden, woher es kommt und welche Bedeutungen es hat. Zum Beispiel so: Bestimmt wussten Sie, dass das Wort «Spleen» aus dem Englischen kommt und die Milz bezeichnet. Aber wussten Sie auch, dass «der Spleen» als Sitz gewisser Gemütskräfte galt und als Ursache für Hypochondrie betrachtet wurde? So wurde vor allem Frauen die «Milzsucht» angedichtet, wenn sie schwermütig oder melancholisch waren.
Heute wissen wir, dass ein Spleen durchaus auch eine Quelle der Freude sein kann. Zum Beispiel, wenn man andere Menschen kennenlernt, die einen ähnlichen Tick haben. Ist es nicht herzerwärmend, sowas zu lesen: Franci: «Ich muss mein Auto immer begrüssen und mich von ihm verabschieden. Mache ich das nicht, ist mein Auto traurig und geht kaputt.» Oder Kristin: «Die Knopfleiste muss unten sein, ich werd verrückt, wenn die Bettdecke falsch herum liegt.» Oder Rina: «Ich muss ständig mein Essen sortieren und zwar so, dass ich das, was mir am besten schmeckt, zuletzt esse. Beispiel: Ich liebe Studentenfutter, aber ganz besonders die darin enthaltenen Walnüsse; ganz allgemein mag ich die Nüsse am liebsten. Also esse ich zuerst die Rosinen bzw. die Cranberries, dann die Erdnüsse, dann die Haselnüsse und zum Schluss eben die Walnüsse. Bei einer Gemüsesuppe vespeise ich zuerst den flüssigen Anteil und zuletzt das Gemüse. Es ist zum Verrücktwerden. Aber vielleicht bin ich das ja schon?»
13. April 2020 um 01:07
Und Sie so?
Ich habe nicht vor, mir meine Spleene abzugewöhnen. Als Texterin ist es doch von Vorteil, ein bisschen sprachfanatisch zu sein, nicht wahr? Und manchmal sind so kleine Eigenarten ja auch ein bisschen liebenswert, oder? Ich rede es mir ein. Ganz fest rede ich mir das ein! Aber was mir noch etwas mehr helfen würde als mein Selbstzuspruch, wäre, wenn ich von Ihnen, liebe Leser*innen, wüsste, wie Sie das sehen. Viele Menschen sprechen nicht über ihre Spleene. Lassen Sie mich ausnahmsweise an Ihren Ticks teilhaben? Damit ich mich selber, wenigstens ein bisschen, weniger spinnig finde? Ich freue mich über jede Ihrer Marotten – per Mail, in den Kommentaren oder per DM auf Instagram. Wenn wir alle etwas spinnen, ist es schon wieder normal.
P.S. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Kommt wahrscheinlich vom Lateinischen Sprichwort «Solamen es miseris socios habuisse molorum», also «Trost für jeden im Leid ist Unglücksgefährten zu haben» und entspricht dem heutigen Wissensstand der Psychologie, wonach das Teilen von Leid die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als Grundbedürfnis des Menschen fördert. Das musste einfach noch nachgeschlagen werden.